TANZFONDS ERBE vergibt neue Förderungen

Zum vierten Mal fördert TANZFONDS ERBE künstlerische Projekte zum Kulturerbe Tanz

Der von der Kulturstiftung des Bundes initiierte TANZFONDS ERBE vergibt 583.884,- Euro.

Seit 2012 ermöglicht der TANZFONDS ERBE künstlerische Projekte zum Tanzerbe des 20. Jahrhunderts. In der vierten Förderrunde haben die Mitglieder der Jury Dr. Kerstin Evert, Dr. Katja Schneider und Bettina Wagner-Bergelt am 14. Dezember 2015 über die Anträge entschieden. Aus den 31 eingereichten Anträgen wurden 9 Projekte und 4 Gastspiele ausgewählt. Die Jury erklärt: „Die geförderten Konzepte bieten vielfältigen Zugänge zum Verständnis des Erbes. Sie beziehen sich auf wichtige Protagonisten des 20. Jahrhunderts und loten kreativ das Thema der Weitergabe aus.“

Das Saarländische Staatstheater rekonstruiert Gerhard Bohners „Die Folterungen der Beatrice Cenci“ von 1971. Die Choreografie hatte dem jungen Tänzer und Choreografen zum internationalen Durchbruch verholfen und gilt heute als Meilenstein der Tanzgeschichte. „Just in Time“ von deufert&plischke bittet Zuschauer in Berlin, New York und Tel Aviv, persönliche Briefe an den Tanz zu schreiben. Die vielstimmigen Erinnerungen erwecken die erlebten Tanzaufführungen zu neuem Leben und lassen eine eindrucksvolle tanzhistorische Sammlung entstehen. „the witch dance project“ der sophiensaele beschäftigt sich mit der Re- interpretation von Mary Wigmans Solo „Hexentanz II“ von 1926. Zehn junge Choreografinnen u. a. aus Indonesien, Japan und Brasilien untersuchen die postkolonialen Zusammenhänge von Hexenbegriff und Exotismus.
Die Gastspielförderung ermöglicht Aufführungen von TANZFONDS ERBE-Projekten in Leipzig, Hannover, Dresden und Tel Aviv.

„Mit der Einladung eines TANZFONDS ERBE Projekts zur Tanzplattform Deutschland sind wir im vierten Jahr der Förderung bei einem selbstverständlichen Umgang mit dem Tanzerbe angekommen“, so Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. „Darüber freue ich mich.“

Der ursprünglich auf zwei Förderrunden begrenzte TANZFONDS ERBE wurde 2014 aufgrund seines Erfolgs um drei Jahre verlängert. „Die internationale Resonanz der TANZFONDS ERBE- Initiative ist erstaunlich“, erklärt Madeline Ritter, Leiterin des Fonds. „Das reicht von Gastspielen über Festivals bis zu ähnlichen Förderprogrammen.“

Die nächste und letzte Bewerbungsfrist endet am 31. Oktober 2016. Weitere Informationen sind unter www.tanzfonds.de zu finden.

JURYENTSCHEID VOM 14.12.2015

Folgende Projekte wurden bewilligt:

1
deufert&plischke
„Just in Time“
Partizipative Choreografie, Installation, Publikation

2
Saarländisches Staatstheater
„Die Folterungen der Beatrice Cenci“ von Gerhard Bohner
Rekonstruktion

3
Theater Nordhausen/Loh- Orchester Sondershausen
„Die Tänzerin von Auschwitz“
Neukreation

4
Nils Freyer
„Fünf Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von J. S. Bach“ von Marianne Vogelsang
Rekonstruktion

5
Staatstheater Braunschweig
JAGD. KAMPF. RAUSCH (ZECHE EINS von Reinhild Hoffmann)
Rekonstruktion

6
Theater Freiburg
„Erbe sein – Erbe haben. Ein choreografisches Depot“ (AT)
Ausstellung, Neukreation

7
Städtische Bühnen Osnabrück
„DANSE MACABRE: Rekonstruktion der Totentänze I und II von Mary Wigman“
Rekonstruktion, Ausstellung, Symposium

8
sophiensaele GmbH
„the witch dance project“ nach ‚Hexentanz II’ von Mary Wigman
Neukreation, Lecture Performance, Film

9
Dance Lab Berlin GmbH
„H. K. – Quintett“
Neukreation, Lecture, Filmvorführung


Folgende Gastpiele wurden bewilligt:

1
Ciupke/Till GbR
„undo, redo & repeat“
Schaubühne Lindenfels, Leipzig

2
Ciupke/Till GbR
„undo, redo & repeat“
HELLERAU, Dresden

3
Angela Guerreiro
„The Film: The Live Legacy Project“
Tanzkongress 2016, Hannover

4
Uri Turkenich
„I love my dancers“
Diver Festival, Tel Aviv


KURZBESCHREIBUNGEN DER GEFÖRDERTEN TANZFONDS ERBE-PROJEKTE:

deufert&plischke „Just in Time“ Format: Partizipative Choreografie, Installation, Dokumentation, Lecture Performance, Publikation

„Just in Time“ ist ein choreografisch-partizipatives Projekt von deufert&plischke, das in Tel Aviv, Berlin und New York stattfinden wird. Dort werden Besucherinnen über einen Zeitraum von drei Wochen eingeladen, in einem öffentlich zugänglichen Raum persönliche Briefe an den Tanz zu schreiben, in denen sie wichtige Tanzerfahrungen zur Sprache bringen. Sie sind die Grundlage für öffentliche Aufführungen mit Livemusik von Alain Franco.

Saarländisches Staatstheater „Die Folterungen der Beatrice Cenci“ Format: Rekonstruktion

Das Saarländische Staatstheater rekonstruiert Gerhard Bohners „Die Folterungen der Beatrice Cenci“ von 1971. In der realistischen Darstellung von Folter verbindet die Arbeit expressionistische mit ausdrucksvoll-narrativen Elementen. Die Choreografie hatte dem jungen Tänzer und Choreografen zum internationalen Durchbruch verholfen und gilt heute als Meilenstein der Tanzgeschichte.
Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen „Die Tänzerin von Auschwitz“ Format: Neukreation
Am Theater Nordhausen entsteht in der Regie von Bianca Sue Henne und der Choreographie von Ballettdirektorin Jutta Ebnother mit Tänzern und Puppenspielern eine Theaterproduktion um Rosa Glaser, jene niederländische Tänzerin und Tanzlehrerin, die, von den Nazis verfolgt und von ihrem Mann verraten, im KZ Auschwitz inhaftiert wird. Dort unterrichtet sie die Nazis in Gesellschaftstanz, wird Funktionshäftling und rettet ihr Leben mit dem Tanz.

Nils Freyer „Fünf Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von J.S. Bach“ Format: Rekonstruktion

Marianne Vogelsangs „Fünf Präludien“ gehören zu den wegweisenden Choreografien des Ausdruckstanzes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Entstanden sind sie für den heute 80jährigen Tänzer Manfred Schnelle, dem sie auch gewidmet sind und der als einziger das komplette Wissen um dieses Solo besitzt. Schnelle stellt sein persönliches Archiv für die Rekonstruktion zur Verfügung und wird eine Einführung zum Werk geben.

Staatstheater Braunschweig „JAGD. KAMPF. RAUSCH." (Titel der Uraufführung: ZECHE EINS) von Reinhild Hoffmann Format: Rekonstruktion

Mit dem Tanztheater-Ensemble des Staatstheaters Braunschweig wird das Tanzstück „Zeche Eins“ von Reinhild Hoffmann rekonstruiert, welches am 11. April 1992 in der Probebühne Zeche 1 in Bochum uraufgeführt wurde. Begleitet werden die Aufführungen von einem umfassenden Rahmenprogramm sowie einem Programmbuch, das die Geschichte von „Zeche Eins“ dokumentiert.

Theater Freiburg „Erbe sein - Erbe haben. Ein choreografisches Depot (AT)“ Format: Ausstellung, Neukreation

Der Frage nachgehend, ob Zuschauer die Nachkommen von Künstlern sind, und in wessen Besitz gezeigtes künstlerisches Material übergeht, entwickelt das Theater Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Museum für Neue Kunst Freiburg ein ‚Erbdepot’ mit Ausstellungs- und Aufführungsformaten. Der Zuschauer ist Erbe in diesem performativen Museum, in dem die beteiligten Künstler die Zukunft ihres Materials diskutieren und die Übergabe realisieren.

Städtische Bühnen Osnabrück „DANSE MACABRE: Rekonstruktion der Totentänze I und II von Mary Wigman“ Format: Rekonstruktion, Ausstellung, Symposium

Das Projekt DANSE MACABRE umfasst die Rekonstruktion der Totentänze I (1921) und II (1926) von Mary Wigman mit der Dance Company Theater Osnabrück. Ergänzt wird der Abend durch Strawinskys Sacre-Version für zwei Klaviere in einer neu entstehenden Choreografie von Mauro de Candia. „Sacre, ein Totentanz“ ist de Candias Referenz an Mary Wigmans Totentänze. Eine Ausstellung und ein Symposium zur Totentanz-Thematik sind begleitend geplant.

Sophiensaele GmbH „the witch dance project“ Format: Neukreation, Lecture Performances, Talks, Film

Unter der künstlerischen Leitung von Franziska Werner und Christoph Winkler entwickeln junge Choreografinnen und Performerinnen ihre eigene Version des 1926 uraufgeführten „Hexentanz II“-Solos von Mary Wigman. Dabei liegt der Schwerpunkt der Künstlerinnen auf einem postkolonialen und queer- feministischen Blick.

DanceLab Berlin GbR „H.K. – Quintett“ Format: Neukreation, Lectures, Filmvorführung

Das Projekt „H.K. - Quintett“ stellt mit fünf männlichen Tänzern die Frage nach der Identität für heute. Inspirationsquelle ist Harald Kreutzberg (1902–1968), der mit seiner Verkörperung verschiedener Charaktere ein Weltstar war. Er war ein Grenzgänger, der abwich von der Norm: als Homosexueller, der zugleich Männer- und Frauenrollen verkörperte und das Bewegungsrepertoire des männlichen Tänzers erweiterte. Das Projekt knüpft an seine innovativen Ansätze an und überträgt sie in eine zeitgenössische Tanzsprache.


KURZBESCHREIBUNGEN DER GEFÖRDERTEN TANZFONDS ERBE-GASTSPIELE:

Ciupke/Till GbR c/o Barbarea Greiner „undo. redo, repeat“ Gastspielort: Schaubühne Lindenfels Leipzig, Juni 2016 und Gastspielort: HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Dezember 2016

In „undo, redo and repeat“ betrachten Christina Ciupke und Anna Till fünf Tanzpositionen aus dem 20. Jahrhundert im Spiegel derjenigen, die sie vermitteln, erinnern, am Leben halten und verbreiten. Ciupke und Till gehen der Frage nach, wie das Wissen über vergangene Tänze von Mary Wigman, Kurt Joos, Dore Hoyer, Pina Bausch und William Forsythe zu uns gelangt.

Angela Guerreiro „The Live Legacy Project“ Gastspielort: Tanzkongress 2016 Hannover, Juni 2016

In ihrem Rechercheprojekt „The Live Legacy Project“ widmen sich Angela Guerreiro und Karen Schaffman den zahlreichen Verbindungen zwischen dem zeitgenössischen Tanz in Deutschland und dem Judson Dance Theatre Movement in New York.

Uri Turkenich „I love my dancers“ Gastspielort: Diver Festival – Tel-Aviv, Israel, September 2016

In seiner Performance „I love my dancers“ setzt Uri Turkenich sich in einem inszenierten Gespräch mit Geraldo Si – ehemaliger Tänzer des Tanztheaters Wuppertal – mit Pina Bauschs Arbeit in den Jahren 1977 und 1978 auseinander.

erstellt am 17.12.2015 von Pressetext